„SCHRIFTVERSTÄNDNIS“:
Das Bilderbuch Gottes
Nichts auf der Welt ist, was es zu sein scheint. Unser Vorwissen, unsere Perspektive, unsere Sinnesorgane und unser Hirn bestimmen – und begrenzen – unsere Wahrnehmung von der Welt. Nehmen wir eine Blume auf der Wiese: Was sie „ist“, hängt entscheidend davon ab, wer sie betrachtet. Ein Käfer, eine Kuh, ein Bauer, ein Biologe, ein Sommerfrischler – sie alle sehen dasselbe Objekt und sehen doch ganz unterschiedliche Dinge. Die Blume „ist“ die Summe all dieser Sicht- und Erfahrungsweisen und vermutlich noch unendlich viel mehr. Mit einem zwinkernden Auge zusammengefasst: „Jedes Ding hat drei Seiten. Die Seite, die ich sehe, die Seite, die du siehst, und die Seite, die keiner von uns beiden sieht.“ Dies ist der Grund, warum man die Bibel nicht wörtlich nehmen kann – selbst wenn man es wollte. „Die“ Bibel ist genauso schillernd in ihrer Bedeutung wie die Blume auf der Wiese. Sie setzt immer ein Vorwissen voraus, sie wird immer aus einer bestimmten Perspektive gesehen, sie wird grundsätzlich von jedem Menschen anders wahrgenommen.
Wie nahe können wir den Texten der Bibel und den Ansichten ihrer Autoren kommen? Die Autoren der Bibel reden zu uns. Aber können wir sie verstehen? Sie haben ihre Botschaft durch Sprache und Schrift „kodiert“, verschlüsselt. Können wir die Botschaft noch entschlüsseln? Wenn Paulus von Glaube, Hoffnung und Liebe spricht – meint er dasselbe, was wir darunter verstehen – was ichdarunter verstehe? Die Verfasser der Bibel benutzen Bilder (Symbole, Gleichnisse, Allegorien). Haben wir zum Verstehen noch das Vorwissen, das jedes Bild, jede Allegorie stillschweigend voraussetzt? Könnte es sein, dass wir oft gerade durch ein „wörtliches“ Verstehen die Autoren gründlich missverstehen?
Zahlreiche Beispiele außerbiblischer Texte aus der Zeit Jesu belegen die große Bedeutung, die Bilder und Allegorien damals hatten (Philo von Alexandrien, „Die Schatzhöhle“ und viele andere). Unsere Herangehensweise, nämlich biblische Texte solange “wörtlich“ zu nehmen, bis es gar nicht mehr anders geht, ist vielen Texten unangemessen und nimmt die Autoren in ihren ursprünglichen Absichten nicht ernst.
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